Interviews

Ein Leben ohne Müll?
Zero-Waste-Bloggerin Shia im Interview

 

„Rund 213 Kilo Verpackungsmüll verursacht ein Deutscher pro Jahr“

(Quelle, 2015)

Das ist eine ganze Menge. Aber geht es auch anders? Und wenn ja, wie?
Ich habe mich mit der Zero-Waste-Bloggerin Shia und ihrem Mann Hanno getroffen, deren Müll von einem Jahr in ein Einmachglas passt.

Wie und warum hast du mit Zero-Waste angefangen?

SHIA: Also wir haben schon immer versucht recht ökologisch zu leben.
Ich sag mal, innerhalb des recht normalen Rahmens, dass man dann z.B. Leitungswasser trinkt und nicht Wasser aus Plastikflaschen kauft oder dass man weniger Einwegsachen benutzt, wie einen Coffee-Becher-to-go.
Wir wollten den Müll aber gar nicht so krass reduzieren.
In einer veganen Facebook Gruppe haben wir dann einen Beitrag über Bea Johnson gesehen, die mit Zero-Waste in den USA angefangen hat.
Dann haben wir gedacht, wir versuchen auch unseren Müll zu reduzieren und das ist dann einfach ausgeartet, weil es gar nicht so schwer war, wie wir dachten. Das war im September 2014. Den Müll haben wir wahrscheinlich innerhalb der ersten zwei Monate reduziert, bestimmt 80 %. Also das erste ging super schnell. Aber ich sag mal so, 50 % kann bestimmt jeder in einem Monat schaffen (lacht).

 

Warum Müll?

SHIA: Ich finde Müll ist immer ein Symbol, wie hirnrissig das alles eigentlich ist. Wir haben schwindende Ressourcen (was wir alle wissen) und die verballern wir, um direkt Sachen für die Tonne zu produzieren.
Das ist für mich die Spitze der Verschwendung.

Wie sah dann die Übergangsphase aus?

SHIA: Es war ja eigentlich keine echte Übergangsphase, als wir damit angefangen haben, weil wir nur reduzieren wollten. Das heißt, wir hatten nicht dieses krasse Ziel vor Augen, ich glaub, das hätte uns auch ein bisschen überfordert. Wir haben erstmal angefangen zu gucken, was wir überhaupt alles haben und haben gemerkt, wir müssen erstmal nichts nachkaufen, wie z.B. Duschgel und Shampoo. Wir wollten dann erstmal nur frisches Obst und Gemüse kaufen.

SHIAS MANN: Wir haben uns ein bisschen von unseren Vorräten leiten lassen. Ich hatte zum Beispiel für ein Jahr Zahnpasta in irgendwelchen
Schubladen (lacht).

 

Wo fällt der Verzicht schwer oder was ist euch am Anfang schwer gefallen?

SHIA: Ich finde es ganz interessant, dass alle immer fragen, worauf müsst ihr verzichten. Was ist der schlimmste Verzicht?
Ich finde es so bemerkenswert, weil Müll mein Leben ja in keinster Weise bereichert und wir ganz viel Lebensqualität dadurch gewonnen haben.

Wir haben vorher auch gesagt, wir können uns nicht alles in Bio leisten, das ist ja sau teuer und das wäre auch nicht gegangen, dass einfach eins zu eins auszutauschen. Aber indem wir kennengelernt haben, was wir wirklich brauchen und wovon wir wirklich Lebensqualität haben, konnten wir das alles ein bisschen gezielter ausrichten. Jetzt geben wir  natürlich mehr Geld für Biolebensmittel aus. Der ganze Rest, wofür wir Geld vorher ausgegeben haben, was uns gar nichts gebracht hat oder uns nicht glücklich gemacht hat, ist dann weggefallen.

Jetzt ernähren wir uns gesünder. Ich hatte schon immer Probleme mit Neurodermitis. Ich hatte ganz viele Allergien und das ist plötzlich weg, weil wir auch automatisch ziemlich schadstoffarm leben.

 

Wie sieht denn ein normaler Einkauf bei dir aus?

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SHIA: Ich glaube mit dem Einkaufen kommt es darauf an, wo man hingeht.
Im Rewe kommt man nicht weit. Aber in so kleinen Läden, in Bioläden, wo auch noch  tatsächlich die Besitzer da sind und sagen „machen wir“, das funktioniert dann einfach ein bisschen glatter. Ansonsten haben wir schon vieles vom Einkaufsverhalten geändert, das muss ich schon sagen.
Wir kaufen ein bis zweimal die Woche frisches Obst und Gemüse ein.

Alle 6-8 Wochen reicht es Trockenwaren aufzufüllen, die halten sich und man kann gleich einen Vorrat mitnehmen, weil wir nicht so gerne unsere Zeit zwischen Ladenregalen verbringen. In Drogerien muss man gar nicht mehr und sonst gehen wir auch viel weniger einkaufen als vorher.

 

Hat sich der Begriff von Müll, also wie ihr das definieren würdet, mit der Zeit verändert?

SHIAS MANN: Das Verständnis von Müll hat sich auf jeden Fall geändert.
Zum Beispiel:

Wenn ich jetzt durch den Supermarkt durch die hinteren Regale gehe, dann denke ich, das ist alles zukünftiger Müll.

Niemand wird diese Verpackungen aufheben. Da ist zwar irgendwo ein Produkt drin, aber da sind vorher zwei Schichten Müll, einmal Pappe und dann nochmal Plastik. Das nehmen die Leute dann mit nach Hause.

 

Wie hat dein Umfeld auf deine Umstellung reagiert?

SHIA: Wo es irgendwann auffiel, war glaube ich beim Party machen, beim Ausgehen, wenn man das Bier bestellt und die Rosette, das ist dieser Papierkranz drunter, abbestellt, dann plötzlich seine eigenen Untersetzer zückt und sagt: „Den Bierdeckel brauch‘ ich nicht.“
Das ist am Anfang des Abends noch ganz lustig und irgendwann haben es sowieso alle vergessen (lachend).

Meine Mutter war es aber peinlich mit mir einkaufen zu gehen. Ich war mit ihr im Supermarkt und meine Mutter hat sich eine dieser Tüten unter der Kasse genommen. Ich habe die dann halt zurück gepackt und gesagt: „Mama, ich habe einen Beutel eingesteckt.“ Das fand sie ganz peinlich. Ich dachte nur so: „Mama, früher war mir einkaufen mit dir peinlich“ (lachend). Aber selbst bei meiner Mama färbte das ab. Sie nimmt jetzt nicht die Gemüsenetze, die wir benutzen, sondern die Tüten, die sie von vorher hat, wo auch Rewe drauf steht, weil das an der Kasse nicht auffällt.

 

Welche positiven Effekte hat ein Zero-Waste-Leben?

SHIA: Also die gesundheitlichen Aspekte, dass meine Neurodermitis im Grunde weg ist, was für mich voll krass ist, oder meine Allergien plötzlich viel viel besser geworden sind. Ich hatte vorher allergisches Asthma, also schon sehr schlimm. Das ist für mich eine neue Lebensqualität. Wir haben mehr Zeit, weil wir weniger Zeit, auch mit Haushalt und so weiter, verbringen müssen. Man hat einfach weniger Komplexität im Alltag, die man aufrechterhalten  und worum man sich kümmern muss.

 

Du machst ja auch viele Dinge selber. Hast du einen Tag, wo du das alles machst?

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SHIA: Wir sind unglaublich faul, deswegen haben wir die einfachsten Rezepte. Ich fühle mich immer, wie eine halbe Hochstaplerin, wenn Leute sagen: „Boah du machst das ja alles selber. Du machst dir deinen Essigreiniger selber (lachend)“.  Ich denke immer so: „Oh mein Gott, das ist ein Löffel Essig und einmal eine Tasse Wasser drauf und das ist fertig.“

Das geht alles unter einer Minute, weil man immer nur alle Zutaten irgendwo reinmacht, umrührt oder schüttelt. Dementsprechend machen wir die Sachen immer erst nach, wenn sie alle sind, weil die ja auch keine Konservierungsmittel enthalten.

 

Hast du Dinge, die du immer mit nimmst, wenn du unterwegs bist?

SHIA: Einen Jutebeutel ist mindestens immer einer da. Ich pack einfach, wenn ich dran denke, nen Beutel irgendwo rein und dann fische ich auch mal fünf raus (lacht). Besteck habe ich immer dabei, obwohl das eigentlich nicht nötig ist, man kriegt überall Besteck. Stofftaschentücher habe ich auch immer dabei und dann so ein kleines Täschchen, wo benutze Stofftaschentücher reinkommen. Eine Trinkflasche, wenn man den ganze Tag unterwegs ist und sich dazwischen Wasser auffüllen möchte, aber viel mehr braucht man eigentlich nicht, je nachdem was man an dem Tag halt so vor hat. Genauso wie man sich eben auch passend anzieht, packen wir einmal schnell passend ein (lacht). 

 

Hast du ein Do-it-yourself was besonders gut funktioniert?

SHIAS MANN: Ich bin vor allen Dingen vom Deo super überzeugt, also es ist viel besser als alles was man vorher gekauft hat. T-Shirts, die sonst am Abend schon irgendwie nach Schweiß riechen, halten dann jetzt auf einmal, zwei, drei Tage. Also da bin ich echt fasziniert, das ist richtig richtig gut und dann kann man nochmal den Kleiderschrank verkleinern, weil man gar nicht mehr so viele T-Shirts braucht, wie vorher. Das ist echt super.

SHIA: Also viele dieser DIY-Sachen sind schwarze Magie, sag‘ ich immer.
Das Deo gehört vor allem dazu. Ich habe das Glück, kein Schweißgeruch zu haben, das habe ich von meiner Mama geerbt – aber auch viele andere Sachen sind wirklich Teufelszeug.

Ich wasche mir mit Roggenmehl die Haare: Roggenmehl und Wasser an mischen (dauert ein paar Sekunden), das nehme ich mit unter die Dusche und verteile es im Haar. Das wirkt kurz ein und dann spüle ich das wieder aus. Statt Conditioner nehme ich einen Esslöffel Apfelessig und eine Tasse Wasser darauf. Ich nehme das dann im Messbecher mit unter die Dusche und füll das dort mit warmem Wasser auf. Das Apfelessig macht die Haare sofort so weich. Man muss einmal erst die Haare ein bisschen rauswachsen lassen, weil diese Shampoorückstände einfach noch drin sind und die Kopfhaut lernt, sich selber zu regulieren und weniger nach fettet. Statt jeden zweiten Tag reicht’s bei mir eigentlich jeden dritten/ vierten Tag, um meine Haare zu waschen.

 

Gibt es Sachen, die du noch verbessern willst?

SHIA:  Also es ist tatsächlich so, dass das  meiste in unserem Müllglas Kassenbons sind. Weil die häufig auch wenn man sagt: „Bitte kein Kassenbon.“, automatisch gedruckt werden. Dagegen kann man sich immer ganz schlecht wehren. Wir versuchen uns zu merken, wer das anders macht und dorthin zu gehen, um das zu unterstützen.

 

Was denn für ein Müllglas?

SHIA: Ach ja (lacht). Wir haben inzwischen so wenig Müll, dass wir den nicht mehr in einem großen Mülleimer sammeln müssen. Wir haben irgendwann angefangen, das in einem Glas zu sammlen (lacht), in so einem Einmachglas, das ist 750 Milliliter groß und da ist jetzt eh Rest- und Plastikmüll drin. Plastik und Restmüll ist einfach der problematische Müll, der auch nicht wirklich gut weiterverarbeitet oder recycelt werden kann.

 

Welche Ausreden hörst du, wenn Leute sagen: Ja, ich finde das ja ganz toll, aber …?

SHIA: Ich finde es sehr interessant, dass du nach Ausreden fragst.  Wir sind zufälligerweise in den Zero-Waste-Stammtisch in Münster geraten und da war eine, die hat so etwas tolles gesagt:

 „Wer will, findet Wege und wer nicht will, findet Gründe.“

Und ja, das höre ich ganz häufig mit dem „ja, aber…“. Ich denke dann meistens das ist eigentlich kein echter Grund, wenn man das wirklich will,
ist das kein Problem. Ich sehe aber ein, dass die Leute dann einfach noch nicht so weit sind und ich möchte denen auch nicht reinreden. Jeder hat sein eigenes Tempo und wir haben Sachen, die uns auch unglaublich schwer fallen, wie z.B. Haare färben und Schminken, wo andere sagen, das brauche ich sowieso nicht (lacht).

 

Wie ist das denn z.B. mit Schminke?

SHIA: Bei Schminke ist das schwer eine ökologische Alternative zu finden, die wirklich auch meinem Zero-Waste-Denken entspricht.
Ich habe sehr wenig Schminke, ich reduziere das auch, aber ich bekomme dann von Freundinnen auch ihre Fehlkäufe. Dann bin ich halt diejenige, die dann mit so verschmierten Pandaaugen rumläuft (lacht), weil das natürlich immer die nicht so geile Schminke ist, aber ich brauch sie zumindest auf und dafür musste nichts Neues produziert werden (lacht).

 

Warum, glaubst du, machen sich so wenige Menschen Gedanken um dieses Thema?

SHIA: Ich denke, ein Grund, warum Menschen sich häufig keine Gedanken darüber machen ist, dass man in seinen Alltagsroutinen feststeckt und viele Sachen einfach Normalität sind. Es ist nicht die Normalität zu gucken, dass man nicht im Supermarkt einkauft, dass man Lösungen findet, die ein bisschen um die Ecke gedacht sind. Dazu muss man einmal aus seinen normalen Strukturen gedanklich ausbrechen und wann hat man die Zeit dafür? Normalerweise wird der Alltag ja abgespult, deswegen finde ich es immer ganz schön, wenn Leute zufälligerweise auf irgendetwas stoßen und dann sagen: „Jetzt nehm‘ ich mir die Zeit, mich da mal rein zu denken.“

 

Habt ihr dann eigentlich nur noch Bioabfall?

SHIA: Nee wir haben auch für Bioabfälle keinen Mülleimer mehr. Wir haben eine Wurmkiste. Das ist eine Kiste aus Holz, wo Kompostwürmer drin wohnen und dann kann man die ganzen Sachen reintun und die werden kompostiert.

 

Habt ihr einen besonderen Tipp, wie jeder seinen Müll im Alltag ein bisschen reduzieren kann?

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SHIAS MANN: Also für den Anfang würde ich sagen, dass man da anfängt wo es am leichtesten fällt. Nicht da, wo man jetzt schon sieht, dass könnte Probleme geben, um die kann man sich später kümmern. Wo es häufig sehr leicht fällt ist beim Gemüseeinkauf. Dann kauft man eben das Gemüse, was nicht in Plastik eingepackt ist. Wenn man dann die leichten Sachen ein bisschen geübt hat, sich daran gewöhnt hat, dann merkt man, ob es einem gefällt oder nicht und kann dann weitergucken. Wie beim Sprachen lernen, fängt man mit den leichten Wörtern an und irgendwann kann man schon einen ganzen Satz sagen, dann komplexe Wörter und schwubs kann man sich mit den Leuten unterhalten. So ist das mit Zero-Waste auch.

SHIA: Bei vielen Sachen haben wir halt auch immer gesagt: “Ach da sollen sich die zukünftigen Wir‘s drum kümmern, keine Ahnung wie es mit Shampoo ist und machen wir uns später Gedanken, wenn’s soweit ist“. Und das hat das aber auch entzerrt, weil wir nicht gedacht haben: „Boah, jetzt müssen wir für alles eine Lösung haben (lacht).“

Vielen Dank für das Interview 🙂
Schaut auf jeden Fall auf Shias Blog vorbei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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